Statistik I — Skript

Deskriptive Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Zufallsvariablen & Verteilungsmodelle

Kompakt aufbereitetes Skript mit Formeln, Beispielen und Skizzen — das erste Kapitel ist komplett kostenlos, der Rest schaltest du mit dem Modul frei.

Kap. 1

Wahrscheinlichkeitsrechnung

Bevor man mit Daten arbeitet, lohnt sich ein Blick auf die Theorie dahinter: Wie lässt sich Unsicherheit überhaupt sauber in Zahlen fassen? Dieses Kapitel legt mit Ergebnisräumen, Ereignissen und den Grundregeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung das Fundament, auf dem die späteren Kapitel zu Zufallsvariablen, Verteilungsmodellen und deskriptiver Statistik aufbauen.

1.1 Zufallsexperimente, Ergebnisraum und Ereignisse

Ein Zufallsexperiment ist ein Vorgang mit ungewissem Ausgang, der sich aber unter denselben Bedingungen beliebig oft wiederholen lässt — der Münzwurf, die Wartezeit an einer Supermarktkasse, die Anzahl fehlerhafter Teile in einer Tagesproduktion. Die Menge aller denkbaren Ausgänge eines solchen Experiments heißt Ergebnisraum Ω (Omega); ein einzelner möglicher Ausgang wird als Elementarereignis ω bezeichnet.

Ergebnisraum (Ω)

Die Menge aller möglichen Ausgänge eines Zufallsexperiments.

Ereignis

Eine Teilmenge des Ergebnisraums, die einen oder mehrere mögliche Ausgänge zu einer Aussage zusammenfasst.

Ein Ereignis A ist eine Teilmenge des Ergebnisraums, also eine Zusammenfassung mehrerer (oder auch nur eines) Elementarereignisse zu einer inhaltlich sinnvollen Aussage — etwa 'die gezogene Zahl ist gerade' oder 'die Wartezeit liegt unter 5 Minuten'. Tritt eines der zu A gehörenden Elementarereignisse ein, sagt man, das Ereignis A sei eingetreten.

Beispiel:Beim Werfen eines Tetraeders mit den Seiten 1 bis 4 ist Ω = {1,2,3,4}. Das Ereignis 'Ergebnis größer als 2' entspricht der Teilmenge A = {3,4}.

1.2 Mengenoperationen und der Additionssatz

Weil Ereignisse Mengen sind, lassen sie sich mit den bekannten Mengenoperationen verknüpfen: Die Vereinigung A∪B beschreibt 'A oder B (oder beide) treten ein', der Durchschnitt A∩B beschreibt 'A und B treten beide ein', und das Komplement A^c beschreibt 'A tritt nicht ein'. Zwei Ereignisse heißen disjunkt (unvereinbar), wenn A∩B = ∅ gilt — sie können nicht gleichzeitig eintreten.

Disjunkte (unvereinbare) Ereignisse

Zwei Ereignisse, die nicht gleichzeitig eintreten können (A∩B = ∅).

Der Additionssatz beantwortet die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass A oder B eintritt: P(A∪B) = P(A) + P(B) − P(A∩B). Die Schnittmenge muss abgezogen werden, weil sie sonst doppelt gezählt würde — einmal als Teil von A, einmal als Teil von B. Sind A und B disjunkt, entfällt der Korrekturterm, weil P(A∩B) = 0 ist.

ABA∩BSchnittmenge
Abb. 1.1 — Venn-Diagramm: Die Schnittmenge A∩B wird beim Additionssatz nur einmal gezählt.
Beispiel:In einer Umfrage unter 200 Beschäftigten nutzen 90 die Kantine (A), 70 nutzen die Firmenparkgarage (B), 25 nutzen beides. P(A∪B) = 90/200 + 70/200 − 25/200 = 0,45 + 0,35 − 0,125 = 0,675 — 67,5% nutzen mindestens eines der beiden Angebote.

1.3 Axiome der Wahrscheinlichkeit und Laplace-Wahrscheinlichkeit

Formal ordnet eine Wahrscheinlichkeitsfunktion P jedem Ereignis A eine Zahl P(A) zu, die drei Axiomen genügt: P(A) ≥ 0 für jedes Ereignis, P(Ω) = 1 (irgendein Ergebnis tritt sicher ein), und für disjunkte Ereignisse addieren sich die Wahrscheinlichkeiten. Aus diesen drei Axiomen lassen sich alle weiteren Rechenregeln — darunter der Additionssatz aus 1.2 — herleiten.

Laplace-Experiment

Ein Zufallsexperiment mit endlich vielen, gleich wahrscheinlichen Elementarereignissen.

Statistischer Wahrscheinlichkeitsbegriff (von Mises)

Wahrscheinlichkeit als Grenzwert der relativen Häufigkeit eines Ereignisses bei sehr vielen Wiederholungen desselben Zufallsexperiments.

Ein wichtiger Spezialfall ist die Laplace-Wahrscheinlichkeit: Sind alle n Elementarereignisse eines endlichen Ergebnisraums gleich wahrscheinlich, gilt für ein Ereignis A mit |A| günstigen Ausgängen P(A) = |A| / |Ω| — die Anzahl der günstigen Fälle geteilt durch die Anzahl aller möglichen Fälle. Diese Annahme gleicher Wahrscheinlichkeiten ist nur gerechtfertigt, wenn es dafür einen echten Grund gibt (Symmetrie eines Würfels, ein durchmischtes Kartenspiel) — nicht bei jedem beliebigen Zufallsexperiment.

Neben dem klassischen (Laplace-) und dem axiomatischen Wahrscheinlichkeitsbegriff aus den obigen Axiomen gibt es einen dritten, den statistischen bzw. frequentistischen Wahrscheinlichkeitsbegriff nach von Mises: Wiederholt man ein Zufallsexperiment sehr oft unter gleichen Bedingungen, pendelt sich die relative Häufigkeit hn(A)/n eines Ereignisses A für wachsendes n um einen festen Wert ein — dieser Grenzwert wird als Wahrscheinlichkeit von A definiert. Anders als beim Laplace-Ansatz braucht man dafür keine Symmetrieannahme, sondern schätzt die Wahrscheinlichkeit direkt aus vielen Wiederholungen — etwa den Ausschussanteil einer Maschine aus den bisherigen Produktionsdaten, ohne die genauen physikalischen Ursachen zu kennen.

Beispiel 1:Bei einem fairen sechsseitigen Würfel ist P(Augenzahl durch 3 teilbar) = |{3,6}| / |{1,...,6}| = 2/6 = 1/3.
Beispiel 2:Eine Fabrik kennt die genaue Ursache für fehlerhafte Teile nicht und kann daher keine Laplace-Wahrscheinlichkeit angeben. Beobachtet man aber über 10.000 produzierte Teile hinweg konstant einen Ausschussanteil von etwa 3%, schätzt man die Fehlerwahrscheinlichkeit nach dem statistischen Wahrscheinlichkeitsbegriff auf P(fehlerhaft) ≈ 0,03.

1.4 Kombinatorik: Anordnen und Auswählen

Kombinatorische Zählformeln helfen, |Ω| bzw. |A| zu bestimmen, ohne alle Möglichkeiten einzeln aufzuschreiben. Sollen n unterscheidbare Objekte vollständig angeordnet werden, gibt es dafür n! (n Fakultät) Reihenfolgen. Sollen dagegen nur k von n unterscheidbaren Objekten in einer bestimmten Reihenfolge ausgewählt werden (eine Variation ohne Wiederholung — jedes Objekt darf höchstens einmal vorkommen), gibt es dafür n! / (n−k)! Möglichkeiten.

Fakultät (n!)

Produkt aller natürlichen Zahlen von 1 bis n; Anzahl der Reihenfolgen, in denen sich n unterscheidbare Objekte anordnen lassen.

Binomialkoeffizient C(n,k)

Anzahl der Möglichkeiten, k von n unterscheidbaren Objekten ohne Berücksichtigung der Reihenfolge auszuwählen.

Ziehen mit/ohne Zurücklegen

Bei 'mit Zurücklegen' (Wiederholung erlaubt) kann dasselbe Objekt mehrfach gewählt werden, bei 'ohne Zurücklegen' höchstens einmal.

Permutation mit Wiederholung P(n; g1,...,gr)

Anzahl unterscheidbarer Anordnungen von n Objekten, wenn sich darunter r Gruppen nicht unterscheidbarer Objekte der Größen g1,...,gr befinden.

Kommt es auf die Reihenfolge der k ausgewählten Objekte dagegen nicht an (eine Kombination ohne Wiederholung), muss man durch die Anzahl der Anordnungen der ausgewählten k Objekte teilen: C(n,k) = n! / (k! · (n−k)!) — der Binomialkoeffizient. Er beantwortet z. B. die Frage, auf wie viele Arten man k Personen aus einer Gruppe von n Personen für ein Team auswählen kann.

Darf dasselbe Objekt dagegen mehrfach ausgewählt werden (Ziehen MIT Zurücklegen), kommt eine zweite Unterscheidung hinzu. Zählt die Reihenfolge weiterhin (Variation mit Wiederholung), gibt es für jede der k Positionen unabhängig voneinander n Möglichkeiten, also n^k insgesamt. Zählt die Reihenfolge dagegen nicht (Kombination mit Wiederholung), ist die Herleitung weniger offensichtlich: Man kann sich die Auswahl als Verteilen von k identischen Kugeln auf n Fächer vorstellen, was auf C(n+k−1,k) = (n+k−1)! / (k!·(n+k−1−k)!) Möglichkeiten führt. Damit ergeben sich vier Fälle, je nachdem ob die Reihenfolge zählt und ob Wiederholung erlaubt ist.

Ein fünfter, eigenständiger Fall betrifft die vollständige Anordnung von n Objekten, wenn sich darunter mehrere identische (nicht unterscheidbare) Objekte befinden — die Permutation mit Wiederholung. Wären alle n Objekte unterscheidbar, gäbe es n! Anordnungen; weil aber g1 Objekte einer ersten Sorte, g2 einer zweiten Sorte usw. untereinander nicht unterscheidbar sind, müssen die jeweils redundant gezählten Vertauschungen innerhalb jeder Sorte wieder herausgeteilt werden: P(n; g1,...,gr) = n! / (g1!·g2!·...·gr!), wobei g1+g2+...+gr = n.

Übersicht: Auswahl von k aus n Objekten
ohne Wiederholungmit Wiederholung
Variation (Reihenfolge zählt)n! / (n−k)!n^k
Kombination (Reihenfolge egal)C(n,k) = n! / (k!·(n−k)!)C(n+k−1,k) = (n+k−1)! / (k!·(n+k−1−k)!)
Beispiel 1:Ein Vereinsvorstand mit 12 Mitgliedern wählt ein Gremium aus 4 Personen ohne feste Rollenverteilung: C(12,4) = 12! / (4!·8!) = 495 Möglichkeiten. Sollten die 4 Positionen dagegen unterschiedliche Rollen (Vorsitz, Kasse, Schriftführung, Beisitz) sein, wären es 12!/8! = 11.880 Variationen.
Beispiel 2:Ein 4-stelliger PIN-Code aus den Ziffern 0–9 (Wiederholung erlaubt, Reihenfolge zählt) ist eine Variation mit Wiederholung: 10^4 = 10.000 mögliche Codes. Wählt man dagegen 3 Kugeln Eis aus 5 Sorten, wobei jede Sorte mehrfach gewählt werden darf und nur die Zusammenstellung (nicht die Reihenfolge auf der Waffel) zählt, ist das eine Kombination mit Wiederholung: C(5+3−1,3) = C(7,3) = 7!/(3!·4!) = 35 mögliche Zusammenstellungen.
Beispiel 3:Ein Regal enthält 3 rote, 2 blaue und 1 grünes Buch, die nebeneinander aufgestellt werden; Bücher derselben Farbe gelten dabei als nicht unterscheidbar. Die Anzahl unterscheidbarer Anordnungen (nach Farbfolge) ist eine Permutation mit Wiederholung: P(6; 3,2,1) = 6! / (3!·2!·1!) = 720/12 = 60.

1.5 Bedingte Wahrscheinlichkeit und Unabhängigkeit

Die bedingte Wahrscheinlichkeit P(A|B) gibt an, wie wahrscheinlich Ereignis A ist, wenn man bereits weiß, dass B eingetreten ist: P(A|B) = P(A∩B) / P(B), definiert für P(B) > 0. Die zusätzliche Information über B verändert dabei effektiv den relevanten Ergebnisraum von Ω auf B.

Bedingte Wahrscheinlichkeit

Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses A unter der Voraussetzung, dass ein anderes Ereignis B bereits eingetreten ist.

Stochastische Unabhängigkeit

Zwei Ereignisse beeinflussen sich nicht gegenseitig: P(A∩B) = P(A)·P(B).

Zwei Ereignisse A und B heißen (stochastisch) unabhängig, wenn das Eintreten von B keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit von A hat, also P(A|B) = P(A) gilt. Äquivalent dazu — und oft einfacher zu prüfen — gilt für unabhängige Ereignisse P(A∩B) = P(A) · P(B). Unabhängigkeit darf nicht mit Disjunktheit verwechselt werden: Disjunkte Ereignisse mit positiver Wahrscheinlichkeit sind sogar zwangsläufig abhängig, weil das Eintreten des einen das andere ausschließt.

Beispiel:In einem Betrieb sind 55% der Beschäftigten in Vollzeit tätig, 30% aller Beschäftigten arbeiten im Homeoffice, und 18% aller Beschäftigten arbeiten in Vollzeit und im Homeoffice. P(Homeoffice | Vollzeit) = 0,18 / 0,55 ≈ 0,327 — unter den Vollzeitkräften arbeitet also etwa jede Dritte im Homeoffice.

1.6 Satz von Bayes und totale Wahrscheinlichkeit

Zerlegen B1, ..., Bn den gesamten Ergebnisraum in disjunkte Teile (eine sogenannte vollständige Zerlegung), lässt sich die Wahrscheinlichkeit eines beliebigen Ereignisses A über den Satz der totalen Wahrscheinlichkeit berechnen: P(A) = Σ P(A|Bi) · P(Bi). Man summiert also über alle Szenarien Bi, gewichtet mit deren jeweiliger Wahrscheinlichkeit.

Vollständige Zerlegung

Eine Menge disjunkter Ereignisse B1,...,Bn, die zusammen den gesamten Ergebnisraum abdecken.

Satz von Bayes

Formel, um aus P(A|Bi) und den Wahrscheinlichkeiten P(Bi) die umgekehrte bedingte Wahrscheinlichkeit P(Bi|A) zu berechnen.

Oft kennt man P(A|Bi) (z. B. wie wahrscheinlich ein positiver Test bei tatsächlicher Erkrankung ist), möchte aber die umgekehrte Frage beantworten: Wie wahrscheinlich ist Bi, wenn man weiß, dass A eingetreten ist? Genau das leistet der Satz von Bayes: P(Bi|A) = [P(A|Bi) · P(Bi)] / Σj P(A|Bj) · P(Bj). Er 'dreht' eine bedingte Wahrscheinlichkeit um und ist die Grundlage vieler Diagnose- und Klassifikationsverfahren.

P(B₁)P(B₂)P(A|B₁)P(Ā|B₁)P(A|B₂)P(Ā|B₂)
Abb. 1.2 — Wahrscheinlichkeitsbaum: Entlang jedes Pfades werden die Wahrscheinlichkeiten multipliziert, am Ende über alle zu A führenden Pfade summiert.
Beispiel:Ein Sicherheitsscanner am Eingang eines Firmengebäudes erkennt einen mitgeführten verbotenen Gegenstand mit 90% Wahrscheinlichkeit korrekt (P(Alarm|Gegenstand) = 0,90); ein solcher Gegenstand kommt bei 0,5% aller Einlässe tatsächlich vor. Bei erlaubtem Gepäck löst der Scanner in 6% der Fälle fälschlich Alarm aus (P(Alarm|kein Gegenstand) = 0,06). Gesucht: P(Gegenstand|Alarm). Totale Wahrscheinlichkeit: P(Alarm) = 0,90·0,005 + 0,06·0,995 = 0,0045 + 0,0597 = 0,0642. Bayes: P(Gegenstand|Alarm) = 0,0045 / 0,0642 ≈ 0,070 — obwohl der Scanner einzeln betrachtet zuverlässig wirkt, ist bei ausgelöstem Alarm nur etwa jeder vierzehnte Fall tatsächlich ein echter Fund, weil verbotene Gegenstände sehr selten sind und die Fehlalarme dadurch zahlenmäßig überwiegen.
Kap. 2

Zufallsvariablen

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Eine Zufallsvariable übersetzt den Ausgang eines Zufallsexperiments in eine Zahl, mit der sich rechnen lässt. Dieses Kapitel führt Erwartungswert, Varianz und weitere Kennzahlen ein, mit denen sich das Verhalten einer Zufallsvariable zusammenfassen lässt — die Grundlage für die konkreten Verteilungsmodelle in Kapitel 3.

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Kap. 3

Verteilungsmodelle

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Statt für jedes neue Zufallsexperiment eine völlig neue Verteilung herzuleiten, greift man in der Praxis meist auf ein kleines Repertoire bewährter Verteilungsmodelle zurück, die jeweils zu bestimmten Situationstypen passen. Dieses Kapitel stellt die wichtigsten diskreten und stetigen Verteilungen vor und zeigt, woran man erkennt, welches Modell zu welcher Situation passt.

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Kap. 4

Deskriptive Statistik

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Während die vorherigen Kapitel Wahrscheinlichkeitsmodelle für zukünftige, noch unbekannte Ergebnisse entwickelt haben, geht es in der deskriptiven Statistik um bereits vorliegende, konkrete Daten: Wie lassen sie sich übersichtlich zusammenfassen, beschreiben und vergleichen? Dieses Kapitel behandelt Lage-, Streuungs- und Zusammenhangsmaße sowie die passenden grafischen Darstellungen.

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