Lineare Gleichungssysteme und der Gauß-Algorithmus
Lineare Gleichungssysteme (LGS) tauchen überall dort auf, wo mehrere lineare Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein müssen — von einfachen Mischungsaufgaben bis zu den Grundlagen der linearen Algebra. Dieses Kapitel führt die Matrixschreibweise ein und zeigt mit dem Gauß-Algorithmus ein systematisches Lösungsverfahren.
1.1 Matrizen und lineare Gleichungssysteme
Ein lineares Gleichungssystem (LGS) mit m Gleichungen und n Unbekannten x1,...,xn über einem Körper K (meist K=ℝ) besteht aus m Gleichungen der Form a_{i1}x1+...+a_{in}xn=b_i für i=1,...,m. Man fasst die Koeffizienten in einer (m×n)-Matrix A=(a_{ij}) zusammen und schreibt das System kompakt als A⃗x=⃗b, wobei ⃗x=(x1,...,xn) der Vektor der Unbekannten und ⃗b=(b1,...,bm) die rechte Seite ist. Die erweiterte Koeffizientenmatrix (A|⃗b) enthält zusätzlich die rechte Seite als letzte Spalte und fasst damit das gesamte LGS in einem einzigen Zahlenschema zusammen.
Lineares Gleichungssystem (LGS)
System von m linearen Gleichungen in n Unbekannten, kompakt geschrieben als A⃗x=⃗b.
Erweiterte Koeffizientenmatrix
Matrix (A|⃗b), die Koeffizientenmatrix A und rechte Seite ⃗b in einem Schema zusammenfasst.
Äquivalente LGS
Zwei LGS mit identischer Lösungsmenge; äquivalente Zeilenumformungen erzeugen aus einem LGS ein äquivalentes.
Eine (m×n)-Matrix mal ein Vektor ⃗x∈K^n ergibt einen Vektor A⃗x∈K^m, dessen i-te Komponente gerade die i-te Zeile von A, skalar mit ⃗x multipliziert, ist: (A⃗x)_i = Σ_j a_{ij}x_j. Zwei LGS heißen äquivalent, wenn sie dieselbe Lösungsmenge besitzen. Bestimmte Umformungen der erweiterten Koeffizientenmatrix — Vertauschen zweier Zeilen, Multiplikation einer Zeile mit einem Skalar ≠0, Addition eines Vielfachen einer Zeile zu einer anderen — verändern die Lösungsmenge nicht und heißen daher äquivalente Umformungen.
1.2 Der Gauß-Algorithmus und die Lösungsmenge
Der Gauß-Algorithmus bringt die erweiterte Koeffizientenmatrix durch äquivalente Zeilenumformungen systematisch auf Zeilenstufenform: In jeder Zeile steht der erste von Null verschiedene Eintrag (die sogenannte führende Variable) weiter rechts als in der Zeile darüber, und alle Nullzeilen stehen unten. Variablen, die in keiner Zeile führend sind, heißen frei — ihnen kann ein beliebiger Wert zugewiesen werden, während die führenden Variablen durch Rückwärtseinsetzen aus den freien Variablen berechnet werden.
Zeilenstufenform
Form der erweiterten Koeffizientenmatrix, in der die führenden Einträge jeder Zeile von oben nach unten strikt nach rechts wandern.
Führende / freie Variablen
Führende Variablen entsprechen den Pivotspalten der Zeilenstufenform; alle übrigen Variablen sind frei wählbar.
Die Kardinalität (Anzahl der Elemente) der Lösungsmenge eines LGS in Zeilenstufenform lässt sich direkt ablesen: Enthält die Zeilenstufenform eine Zeile der Form (0,...,0|c) mit c≠0, ist das System unlösbar (leere Lösungsmenge). Andernfalls gibt es genau dann eine eindeutige Lösung, wenn jede Variable führend ist (keine freien Variablen), und unendlich viele Lösungen, sobald mindestens eine Variable frei bleibt — die Lösungsmenge lässt sich dann als L = ⃗x_p + span{⃗v1,...,⃗vk} schreiben, wobei ⃗x_p eine spezielle (partikuläre) Lösung und k die Anzahl der freien Variablen ist.
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